Über Bücher und Tattoos: Ein Interview mit Faksimile-Spezialistin Marion Albisser

#FAKSIMILE #BUCHBINDEKUNST #HANDWERK #HEILSSPIEGEL #BOOKOFKELLS #GESCHICHTE #MITARBEITER

von Caroline Meer

In der aktuellen Ausgabe berichtet das Reise- und Kulturmagazin „Transhelvetica“ über die Faksimile-Ausgabe des Heilspiegels, die im Sommer an das Kloster Einsiedeln übergeben wurde. Das Lehr- und Andachtsbuch aus dem Mittelalter ist ein Paradebeispiel für die traditionelle Buchbindekunst bei Bubu (siehe Bericht vom 23.6.). Aber wer erweckt eigentlich die alten Buchbinde-Maschinen aus ihrem Dornröschenschlaf und bindet die edlen Bände in Pergament ein? Die Meisterin heisst Marion Albisser und leitet seit 17 Jahren die Faksimile-Abteilung bei Bubu.

Marion, eines deiner Markenzeichen sind die vielen Tätowierungen. Im Mittelalter hättest du damit wohl als Hexe gegolten. Welche Bedeutung haben die kleinen Kunstwerke auf deiner Haut?

Wie das Buchbindehandwerk hat auch das Tätowierhandwerk eine lange Tradition. Und alles was mit Geschichte und Tradition verbunden ist, fasziniert mich. Tätowierungen sind Teil der Menschheitsgeschichte. Wusstest du, dass bereits Ötzi aus der Bronzezeit tätowiert war?

Als ich mir meine erste Tätowierung stechen liess, wusste ich: Das ist erst der Anfang. Ich sehe meinen Körper als eine Leinwand, die sich im Laufe des Lebens zu einem vollständigen Bild wandelt. Aus diesem Grund habe ich mich für die japanische Tätowierkunst entschieden. Sie entspricht genau dieser Philosophie. Die Tätowierungen sind auf meinen Körper zugeschnitten. Jedes neu dazukommende Sujet fügt sich nahtlos ein, so dass am Schluss eine Einheit entsteht. Ich entscheide mich immer bewusst für eine Tätowierung. Sie muss zu meiner Persönlichkeit passen. Trends und Trash mag ich nicht. In der japanischen Tätowierkunst gibt es viele Symbole wie Geishas, Koi-Karpfen, Kirschblüten, Drachen und Pfingstrosen. Sie haben alle eine Bedeutung und inspirieren mich.


Du bewegst dich zwischen zwei Welten: Tagsüber traditionelles Buchbindehandwerk und am Wochenende Shootings als Alternativ-Tattoo-Model. Bist du ein gegensätzlicher Mensch?


Das kann man so sagen, ja.

Das Buchbindehandwerk verleiht mir eine gewisse Sicherheit und Bodenständigkeit. Aus dem ruhigen, genauen und konzentrierten Arbeiten gewinne ich viel Energie. Hier entspreche ich wohl ganz dem Klischee der introvertierten Buchbinderin (lacht). Am liebsten arbeite ich an komplexen Projekten, die lange dauern und eine gute Planung erfordern. Da kann ich mich richtig reinknien und meine Kreativität ausleben.

Als Alternativ-Tattoo-Model für Modelabels, Musik- und Werbefilme hingegen muss ich schnell in verschiedene Rollen schlüpfen und wandelbar sein. Da ist immer Action angesagt. Das erfordert viel Spontaneität und ein extrovertiertes Auftreten. Auch das gehört zu mir, obwohl ich mich teilweise dazu überwinden muss. Aber das tut mir gut (lacht).


Was fasziniert dich so am Buchbindehandwerk?


Beim Buchbindehandwerk geht es immer darum, Lösungen für Probleme zu finden. Wir beschäftigen uns oft mit ausgefallenen Projekten, die manchmal merkwürdige Fragen aufwerfen, zum Beispiel: Wie integriere ich Kunstrasen in ein Buch? Oder: Wie mache ich aus einer Schiefertafel ein Buch? 2002 entwickelten wir ein Buch zur Expo. Unsere Idee war, aus den Überzügen der Pavillons Buchumschläge herzustellen. Die angelieferten Pavillon-Überzüge waren riesig und unhandlich, ausserdem stanken sie fürchterlich. Also mussten wir uns zuerst darum kümmern, dass sie gewaschen und zerlegt wurden. Was ich damit sagen möchte: Hinter dem fertigen Buch steckt oft ein langer Prozess aus Denkarbeit, Organisation und Machen. Ich mag diese Komplexität. Sie macht meinen Job vielseitig und kreativ.

Auf welches Projekt bist du besonders stolz?

Auf die Faksimile-Ausgabe des „Book of Kells“. Das Original wurde um 900 nach Chr. von irischen Mönschen geschrieben und gilt als eines der ältesten und bedeutendsten mittelalterlichen Bücher der Welt. Mit der Auflage von 1560 Faksimile-Ausgaben war Bubu 20 Jahre lang beschäftigt, 10 Jahre davon war ich dabei. Ein riesiges Projekt, für das wir mit einer ganzen Reihe an Spezialisten zusammengearbeitet haben - vom Goldschmied, der die dekorativen Metallbeschläge bearbeitete über den Kunsthistoriker bis hin zum Schreiner, der die Buchkassetten machte.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Wahrscheinlich immer noch hier, damn! (lacht). Ich bin ja gleich nach meiner Ausbildung zu Bubu gekommen und habe kurz darauf die Faksimile-Leitung übernommen. Das ist nun 17 Jahre her, Wahnsinn! Bei Bubu kann ich alle meine Leidenschaften und Fähigkeiten vereinen: handwerken, kreativ sein, organisieren, kommunizieren und mich weiterbilden. Aber man weiss ja nie. Vielleicht haue ich in zehn Jahren ab nach Costa Rica und rette Meeresschildkröten - das ist mein heimlicher grosser Traum!

 

ARTIKEL TRANSHELVETICA

 

 

Arbeit am Heilsspiegel: Die im Spezialverfahren gedruckten Seiten werden von Hand gebunden. (Foto: Alex Wydler)
Wenn zwei uralte Traditionen zusammentreffen: Buchbindekunst und Tätowierkunst (Foto: Alex Wydler)
(Foto: Alex Wydler)
Für den Umschlag des Heilsspiegels wird echtes Pergament verwendet. (Foto: Alex Wydler)
Nach dem Zuschneiden wird das Pergament auf den Umschlag geklebt. (Foto: Alex Wydler)
An der Kniehebelpresse werden die geklebten Umschlage zusammengepresst. (Foto: Alex Wydler)
Das Book of Kells wurde um 900 nach Chr. von irischen Mönschen geschrieben und gilt als eines der ältesten und bedeutendsten mittelalterlichen Bücher der Welt.
Mit der Auflage von 1560 Faksimile-Ausgaben war Bubu 20 Jahre lang beschäftigt.
Beeindruckende irische Handmalerei.